Familie: Doldenblütler - Apiaceae
Eurosibirische Pflanze; Neophyt in Amerika
"Waldpflanze"
Namen
Englisch: Bishop's Weed, Ground Elder, Goutweed
Französisch: Herbe aux goutteux, Pied de chèvre
Italienisch: Girardina silvestre, Podagraria
Spanisch: Pie de cabra
Laut "Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, 2011" gibt es weltweit 5 "Giersch"-Arten; für Deutschland wird dort nur 1 Art beschrieben.
Sebald, Seybold, Philippi, 1992, Bd. 4, S. 282, sprechen von "wenigen" Arten in Europa und Asien. In Europa kommt nur 1 Art vor.
Der Giersch steht In Baden-Württemberg auf Platz 8 der Liste der 100 häufigsten Pflanzenarten: www.flora.naturkundemuseum-bw.de/bestimmung.htm. Er ist das häufigste Doldenblütengewächs im Land.
Wie in ganz Baden-Württemberg kommt der Giersch auch in Oberschwaben verbreitet und meist häufig vor (Sebald/Seybold/Philippi 1992, Bd. 4).
Der 1971 geborene Jan Wagner hat dem von den meisten Gärtnern gehassten Giersch ein hinreißendes Gedicht gewidmet, das so beginnt:
"nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im Namen - darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.
...."
aus: Jan Wagner, "giersch" in: Regentonnenvariationen. Gedichte, Hanser Berlin 2014
Das Pharmazeutische Wörterbuch (Hunnius) von 1966 erwähnt Geißfuß als Stammpflanze von Herba Aegopodii podagrariae (Geißfußkraut), das ätherisches Öl enthält und volkstümlich gegen Gicht und Rheuma angewendet wird. In der Homöopathie wird danach die frische, blühende Pflanze zu "Aegopodium podagraria" verarbeitet.
Heute ist "Aegopodium podagraria" bei der Deutschen Homöopathischen Union nur noch als Sonderanfertigung lieferbar (siehe www.dhu.de) und generell so unbedeutend, dass die Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA) und des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinnprodukte (BfArM) in Deutschland (Kommission E) dem Geißfuß nicht einmal eine Negativ-Monographie widmet (s. http://buecher.heilpflanzen-welt.de/BGA-Kommission-E-Monographien/).
Dafür ist Giersch heute umso bekannter als gefürchtetes Unkraut und gilt als nahezu unausrottbar.
"Aegopodium" bedeutet wörtlich aus dem Griechischen übersetzt "ziegenfüßig", was sich vermutlich auf die Form der Blätter bezieht und "podagraria" kann mit "fußgichtheilend" übersetzt werden, als Hinweis auf die traditionelle Verwendung als alte Heilpflanze gegen Fußgicht. Genaust (1996) vermutet allerdings, dass der Name eine Neubildung von Linne darstellt. Dazu passt auch, dass in alten Kräuterbüchern die Pflanze unter verschiedenen anderen Namen geführt wird (s. Madaus,S.414).
Volkstümliche Bezeichnungen:
Hier werden die Blätter mit den Füßen bzw. Fußspuren verschiedener Tiere verglichen:
Geißetritt (Baden)
Gänstritt, Hühnertotsch (Böhmerwald)
Bäratapä, Hasätopä (Schweiz)
Hirschtritt, -stapfete (Schwäbische Alb)
Hennätöpli (St. Gallen)
Krahfuß (Kärnten)
Granhax'n, Kronfuaß (Niederösterreich)
Kreinföt (Schleswig)
Feärkenfäute (Westfalen: Iserlohn)
Nach ihrer Verwendung als Futter für Geißen, Gänse und andere Tiere:
Geeskool (nordwestliches Deutschland)
Geißechrut, -schärlig (Schweiz)
Gaisemous (Westfalen)
Ge(n)sgras, -kraut, Schä(r)tele (Schwäbische Alb)
Säuchrut (Aargau)
Schnäggächrut (St. Gallen)
Die Inhaltsstoffe des Geißfußes sind anscheinend noch ziemlich unbekannt.
Bei Madaus (S. 414) habe ich nur gefunden, dass der Wassergehalt der Pflanze 87 % betragen soll, weitere Inhaltsstoffe werden nicht erwähnt.
Das pharmazeutische Wörterbuch (Hunnius 1966) nennt nur allgemein "ätherisches Öl".
Dagegen weiß man seit Jahrhunderten (Matthiolus (1626), zitiert in Madaus (1938) von einer Heilkraft bei Gicht (daher ja auch der Name) und auch bei Ischias, Rheuma und Hämorrhoiden.
Ältere Abhandlungen mit Anwendungsvorschlägen finden sich im "Lehrbuch der Biologischen Heilmittel" von Gerhard Madaus (1938) und beim schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle (1945). In
"Chrut und Uchrut" von 1915 (Auflage. 300 000 - 400 000) hat Künzle den Geißfuß noch nicht aufgenommen.
Kölbl (1961) widmet dem Geißfuß ein kleines Kapitel wegen seiner innerlichen und äußerlichen Wirkung gegen Rheumatismus, Ischias und Gicht.
Im "Feld- Wald- und Wiesenkochbuch" von Eve Marie Helm von 1978, als das Kochen mit Wildpflanzen noch nicht so in Mode war wie 40 Jahre später, hat der Giersch ein eigenes
Kapitel.
Amüsant und informativ äußert sich Jürgen Feder 2014 zum Giersch.
Vergeblich sucht man die Pflanze bei Apoheker M. Pahlow (2001), der über 400 einheimische und fremdländische Heilpflanzen beschreibt.
Sehr schöne und umfassende aktuelle Beschreibungen der Pflanze finden sich bei Claudia Ritter (2013), Ursula Stumpf (2010), Wolf-Dieter Storl (2007).
Laut Rita Lüder, Grundkurs der Pflanzenbestimmung, 2006, S. 38, handelt es beim Giersch um eine sogenannte „Zeigerpflanze“: er kommt vor allem auf nährstoffreichen Standorten vor und gilt als „Stickstoffzeiger“.
Steffen Guido Fleischhauer hat den Giersch in seine "Kleine Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen" von 2010 aufgenommen.
Raffinierte Kochrezepte mit Giersch findet man bei Meret Bissegger in "Meine wilde Pflanzenküche", 6. Aufl. 2013.
Claudia Ritter trägt in ihrem Buch "Heimische Nahrungspflanzen als Heilmittel. Gemüse, Früchte und Getreide - von Ackerbohne bis Zwiebel Pflanzenkunde, Heilanwendungen und Rezepte" von 2013 Wissenswertes über den Giersch zusammen.
Alexandra-Maria Klein und Julia Krohmer führen den Giersch mit dem Attribut "Lästig, wohlschmeckend, vitaminreich" bei ihren Stadtpflanzen auf ("Das wächst in deiner Stadt". S. 33, 2023).
Originell und sachkundig befasst sich Jürgen Feder in seinem Buch "Feders Kleine Kräuterkunde" von 2017 mit kulinarischen und sonstigen Anwendungen des Gierschs (S.33ff).
Eine Beschreibung und Fotos des Gierschs findet man auf der italienischen Seite www.actaplantarum.org und auf der tschechischen Seite www.BioLib.cz und, sogar in deutscher Sprache, auf der finnischen Seite www.luontoportti.com/suomi/de.
Der Giersch wird von Rudi Beiser in seinem Buch "Vergessene Heilpflanzen. Botanik, Volksheilkunde, Anwendungen" von 2016 ausführlich beschrieben.
Der Giersch ist laut www.floraweb.de eine einheimische Bienenpflanze.
Der Giersch ist laut www.floraweb.de als Raupen-Futterpflanze und Nektarpflanze für zahlreiche Falter-Arten von Bedeutung.
Hunnius, Pharmazeutisches Wörterbuch, 4. Aufl. 1966:
Herba Aegopodii podagrariae, Geißfußkraut: volkstümlich gegen Gicht un Rheuma; enthält ätherisches Öl
Homöopathie: Aegopodium Podagraria (die frische blühende Pflanze)
Blühmonate: Juni bis Juli
Standorte: Frische Wälder, Waldränder, Gebüsche, Gärten, Friedhöfe, Parks, nährstoffanspruchsvoll
Häufigkeit: alle Bundesländer "gemein", kommt in über 90% der Kartierflächen vor. In Ausbreitung begriffen.
Areal: submeridionales bis boreales Europa bis Westasien, vom ozeanischen bis ins gemäßigte Klima vorkommend (Stufe 1-5 auf der 10-stufigen pflanzengeographischen Kontinentalitätsskala). Neophyt in Amerika.
Teilimmergrün
Rosettenlos
Hemikryptophyt: Überdauerungsknospen in Höhe der Erdoberfläche / Geophyt: Überdauerungsknospen unter der Erdoberfläche
Staude
Unterirdische Ausläufer und Rhizom
Insektenbestäubung
Zeigerwerte:
Vergesellschaftung: wächst gern in der Klasse "Sommergrüne Laubwälder und Gebüsche" (K Querco-Fagetea; K Querc.-Fag.), besonders im Verband "Hartholz-Auenwälder" (V Alno-Ulmion; V Alno-Ulm) und im Verband "Nitrophytische Flussufersaum-Ges." (V Convolvulion sepium; V Convolv.).
Verwendung: Wildgemüse
Geißfuß ist ein Hauptbestandteil des früher allgemein bekannten Frühjahrsgerichtes "Neunstärke", welches besonders am Gründonnerstag gegessen wird.
Ähnliche Blätter haben Engel-wurz und Meisterwurz.
Der Giersch ist bei uns eine ausdauernde krautige, sommergrüne Pflanze, die mit Hilfe eines Rhizoms unter der Erde überwintert. Er bildet unterirdische Ausläufer.
Der Giersch ist eine durchsetzungsstarke Pflanze. An seinen Standorten bildet er im Allgemeinen immer große bestandbildende Herden, gegenüber Städten verhält er sich neutral.
Das Allerbeste sind im Frühjahr die jungen Blättchen, wenn sie glänzend und gefaltet aus dem Boden kommen.
Von jedem Spaziergang bringen ich ein paar Blättchen mit nach Hause und verwende sie in kleiner Menge in der Küche für Suppe, Salat, Gemüse, zum Fleisch.
Besonders gern mag ich sie einfach so gemischt mit klein geschnittenen Zwiebeln und ewas Salz zum Vesper oder aufs Butterbrot. Echt lecker!
Und diese frischen Blättchen findet man eigentlich ziemlich lang bis in den Sommer hinein, weil sie immer wieder nachwachsen.
Ein weiterer Vorteil des Giersch ist, dass er sich sehr leicht trocknen lässt und wenn man ihn dunkel aufbewahrt, verliert er auch seine schöne grüne Farbe nicht. Man hat dann im Winter jederzeit ein wunderbares Würzmittel bei der Hand, denn die getrockneten Blättchen lassen sich ganz leicht zwischen den Fingern zerbröseln und für Suppe, Salat usw. verwenden. Mit einem Blättchen kommt man da schon sehr weit, weil sich das intensive Aroma gut hält. Das alles zum Nulltarif und im nächsten Frühling steht die neue Ernte schon bereit.